Dienstag, 17. Juni 2014

Ausmisten #1: Besitz schafft Leid

Die Buddhisten wussten es schon immer: Zu viel zu besitzen tut keinem gut.

Da gibt es jene Extremen, umgangssprachlich Messies, die sich von nichts trennen können und auch scheinbar Wertloses horten. Weil es ihnen eben gehört. Weil man damit noch irgendwas anfangen könnte. Weil sie nicht die Kraft haben, sich vom Ballast zu trennen. Besitz ist unendlich fest mit unserem Wesen verbunden und lässt sich sogar für psychologische Manipulation einsetzen: Gib jemandem etwas, das er als rar betrachtet, und sofort wird er sich so schnell nicht mehr davon trennen wollen, selbst wenn er es vorher gar nicht wirklich gekannt oder gebraucht hat.

Auf der anderen Seite sind die, die ihren Besitztum an einer Hand abzählen können. Sei es aus freiwilligen Stücken, etwa aus religiösen oder ethischen Gründen, sei es gezwungen, weil ihnen das feste Heim fehlt.

In der Mitte tummelt sich der Durchschnitt.
Angeblich bunkert der gemeine Deutsche 10.000 Gegenstände in seinen eigenen 4 Wänden. Klingt viel? Zu viel? Mitnichten. Viele Dinge blendet man schon längst aus, weil man sie nicht mehr wahrnimmt. Wer allein schon im Besitz eines geräumigen Kellers oder Dachboden ist, wird sofort dazu verführt, alles mögliche aufzuheben oder auf Vorrat zu kaufen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Das beobachte ich bei meinen Eltern, bei Freunden, bei Männeke.

Meins! Meins! Meins!

Besitz bedeutet in unserer Kultur Wohlstand und in einem gewissen Rahmen auch Heimat. Was mir gehört, ist meistens an dem Ort, an dem ich lebe. Damit bildet es das Füllmaterial meines kompletten Lebens. Diese Sachen können Statussymbole sein, unnötiger Plunder, Sammelleidenschaften, liebgewonnene Erinnerungsstücke.

Zur Vermehrung des Besitzes greift häufig ein Effekt, der uns Zufriedenheit verspricht, wenn wir Gegenstand X besitzen. Leider hält die Freude darüber selten länger an, und man braucht den nächsten Besitz-Kick. Eine Tretmühle, aus der es kein Entkommen gibt.

Auf der anderen Seite fällt es ungleich schwerer, sich vom Besitz zu trennen. Selbst wenn man weiß, dass etwas wertlos ist und man es im Notfall schnell wieder anschaffen kann, ist eine Trennung von etwas, das man besitzt, immer ein Kraftakt. Da hadert man mit dem Gewissen, weil man schließlich Geld ausgegeben hat. Und zugleich erfüllt es einen mit dem irrationalen Gedanken, etwas Eigenes nicht herzugeben, weil man meint, bereits eine Beziehung dazu aufgebaut zu haben - der klassische Besitztumeffekt.

Über-fluss?

Seit letzter Woche weiß ich, dass ich zum 1. August ausziehen werde. Schneller als geplant, und das wirft viele Pläne über den Haufen. Zum einen jenes Vorhaben, meine Wohnung vor dem Umzug auszumisten. 2 Haushalte verschmilzt man nicht mal so eben miteinander, ohne dass Berge an Dubletten übrig bleiben.

Obwohl ich in meiner Entrümpelungsaktion vieles Überflüssige los werden konnte, wurde mir beim groben Aufstellen meines Besitztums schwindelig: Auf der Liste stehen allein schon 70 großvolumige Gegenstände, dazu die üblichen Mengen Geschirr, Bücher, Kleider, Utensilien, Dekokrempel. Und das alles auf läppischen 50 qm. Trotzdem sieht meine Wohnung alles andere als vollgestellt aus, viele Schrankfächer sind nur halb gefüllt, und ich war immer der Meinung, meinen Besitz auf das Notwendigste zu beschränken. Aber ich komme mit Sicherheit auf mehrere Hundert Gegenstände, die in meiner Bude stehen.

Die Liste habe ich nun so aufgebaut, dass ich maximal 40 der großen Gegenstände behalte, auch bei Kleidern und Büchern wird noch radikaler aussortiert. Ich will mit so wenig Sachen wie möglich umziehen. Der Umzug einer älteren Dame, mit der ich mich gut verstehe und der ich beim Auspacken half, hat mich in dem Punkt zutiefst verstört: Von ihren 40 Umzugskartons waren mindestens 25 randvoll mit Geschirr und Deko-Utensilien. Jedes Plastikblümchen wurde mitgenommen, jede angebrannte Kerze sorgsam eingewickelt.

Allein bei den Möbeln werde ich schon meine liebe Not haben, gebrauchte Möbel kann man oft nicht mal verschenken, geschweige denn verkaufen. Insofern werde ich also die hiesigen Möbelbörsen ansteuern müssen, denn entsorgen möchte ich die teilweise wirklich gut erhaltenen (Echtholz-)Möbel nicht.

Andere Sachen kann ich erfahrungsgemäß in den Studentenvierteln loswerden - eine Kiste voller Krempel mit dem Zettel "Zu verschenken" am Straßenrand steht selten länger als eine Stunde.

Aber was ist mit dem Rest, den weder ich noch andere haben wollen? Ich bin derzeit noch ratlos. Früher hätte ich gesagt: Weg damit, braucht eh keiner. Aber mein Plunderstück-Ich wehrt sich gegen diese Idee mit Händen und Füßen.

Ich werde mir die nächsten Tage Gedanken machen und Ideen sammeln, die ich dann hier vorstelle.


Wie war das bei euch, als ihr um- oder eingezogen seid? Habt ihr auch vorher gemistet oder erst später geschaut, "was über bleibt"? Und wie geht ihr mit solchen Überbleibseln um, die partout niemand mehr haben will?

Kommentare:

  1. Sehr guter Post! Du sprichst mir aus der Seele. Ich bin zwar nicht am umziehen, versuche aber trotzdem immer mal wieder auszumisten.

    Da ich aber sehr gerne bastle/nähe/häkle sammelt sich halt innerhalb kürzester Zeit wieder Material und Werkzeug an.....

    Ich glaube ein großes Problem, warum man sich von Dingen nicht trennen kann ist folgendes: man selbst kann den Wert (vielleicht) einschätzen bzw. weiß einfach wie teuer das Ding war. Die Angst bzw. Ungewissheit davor, was dann damit passiert treibt einen dazu das Stück länger aufzubewahren als eigentlich gewollt.

    Meinen Kleiderschrank bspw. versuche ich halbjährlich auszumisten (dann, wenn die Winter bzw. Sommersachen verstaut werden) und es gibt immer wieder Stücke mit dem Attribut "Vielleicht". Das sind dann auch genau die Teile, die beim nächsten Ausmisten mit 80% Wahrscheinlichkeit in der Kleiderspende-Tüte landen.

    Fazit: Wahrscheinlich gibt es einfach zu viele "Vielleichts" im eigenen Besitz ;)

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    1. Hallo Daniela,

      das mit dem Wert einschätzen ist ein guter Einwand. Tatsächlich schätzt man viele Dinger wertvoller ein, wenn sie einem selbst gehören, als wenn man sie zum Kauf angeboten bekommt - dazu gibt es sogar einen Versuch, bei der Probanten eine Tasse bekamen und diese anderen Personen verkaufen sollten - sie wollten mehr Geld haben, als der Käufer zu zahlen bereit war, einfach weil ihnen die Tasse "gehörte" und damit potentiell wertvoll war.

      Eine Kleiderschrank-Aktion habe ich auch schon hinter mir, viele Kleider muss ich also (Gott sei dank) nicht einpacken.

      Ich glaube auch, dass man radikaler vorgehen sollte, wenn man sich vom Besitz trennt. Das meiste ist tatsächlich ersetzbar bzw. unwichtig für das tägliche Leben.

      LG, Saranesu

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